Not macht erfinderisch

Not macht erfinderisch

Es schadet sicher nicht, sich über mögliche Krisenszenarien Gedanken zu machen. Das nachfolgende hat mir ein Freund (Heute 55 Jahre) geschrieben, der bis zur Grenzöffnung 1989 in der DDR lebte und gelernt hat, mit Mangelsituationen zu Recht zu kommen und zu improvisieren. Hier seine Schilderung:   

Kleingärten: Der Kleingarten der Bürger galt als eine beliebte Quelle für eigenes Obst, Gemüse, Gewürze etc. und diente der Erholung. Mit Kirschen, Äpfeln, Birnen und Pflaumen aus dem Garten wurde die Tafel bereichert. Ob Spargel, Rotkraut, Kopfsalat oder Möhren, Radieschen, Gurken und Tomaten – das selbst angebaute Gemüse war hoch willkommen, bot es doch vitaminreiche Kost und ersparte mitunter vergebliches Anstehen im Gemüseladen. Zu DDR-Zeiten war ein verwilderter Obst- und Gemüsegarten eher eine Seltenheit. Meist gab es in den Kleingartensparten sogar Warteschlangen von Antragstellern, die einen Garten übernehmen wollten. Obst wurde frisch verzehrt oder eingekocht, Überschüsse an Ständen oder im Einzelhandel verkauft.

Nicht selten übernahm ein Gartenfreund, der an der „Quelle“ saß, noch einen zweiten Garten, um seiner Leidenschaft, z.B. dem Anbau von Erdbeeren, zu frönen, die sich großer Beliebtheit erfreuten. In Verbindung mit einem großen Gewächshaus konnte der Garten bald zur Haupterwerbsquelle werden.

Die Produkte des Gartens ließen sich gut gegen andere lebensnotwendige Güter oder Geld eintauschen. Zu DDR-Zeiten leisteten Kleingartenanlagen und Siedlungen einen durchaus beachtlichen Versorgungsbeitrag für die Bevölkerung.

In der Nachkriegszeit, als die Not am größten war, wurden sogar Grünflächen von städtischen Parks, wie zum Beispiel auf der Märchenwiese im Süden Leipzigs parzelliert, um den Städtern mit Gartenbau das Überleben zu erleichtern.

Tauschhandel: Mangel löst bei den Betroffenen verschiedene Impulse aus. Der erste Impuls unter vielen besteht darin, sich das Fehlende möglichst schnell und in solcher Menge zu verschaffen, dass nicht schon bald wieder eine Notlage eintritt. Ein anderer verlangt danach, Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen. Dies manifestierte sich auch in der DDR-typischen Mangelsituation.
Gab es z.B. beim Baustoffhandel Boizenburger Fliesen, so machte man sich auf den Weg, um Fliesen zu kaufen. In der Schlange der Fliesenkäufer mochte ein Teil der Wartenden die Fliesen tatsächlich für die Renovierung des Bades, der Küche oder gar für seinen Eigenheim-Neubau nötig haben. Aber so mancher betrachtete sie als wertvolles Tauschmittel für Bretter oder Autoreifen und legte sie vorsorglich als Vorrat in den Keller oder Schuppen.

Wurden im Fachhandel die begehrten Trabantfelgen angeboten, musste man sie unbedingt kaufen. Nur für den Fall, dass man sie später hatte, wenn man sie tatsächlich brauchte oder als Tauschmittel. So manche Felge wanderte für Jahre unter das Bett im Schlafzimmer, damit sie nicht im feuchten Keller dem Rost anheim fiel.

Auch Fittinge, die Verbindungsstücke für Wasser- oder Gasrohrleitungen, waren äußerst begehrt, ließen sie sich doch gut gegen Fliesen, Reifen, Bretter oder andere Begehrlichkeiten eintauschen. Der aus solchen Zufälligkeiten gespeiste überflüssige Vorrat in vielen Haushalten erwies sich folglich als der Bruder des Mangels oder als die andere Seite der Medaille.

Hochwertige technische Geräte wie Fernsehgeräte, Waschmaschinen, Kühlschränke oder PKW blieben in der Anlaufphase der Produktion bzw. des Verkaufs mitunter noch längere Zeit Mangelware. Man konnte sie bestellen und landete prompt auf einer Warteliste. Zwar verloren im Laufe der 70-iger Jahre die Wartelisten an Bedeutung, weil genug produziert wurde, aber bei PKWs blieb das leidige Problem unverändert bis 1989 bestehen. 1988 betrug beispielsweise die Wartezeit für einen PKW Marke Trabant 14 Jahre. Da lag es doch nahe, neben der eigenen Bestellung auch die Frau, den minderjährigen Sohn, die kleine Tochter, die Oma und den Opa in die Warteliste einzureihen. Es war ja genügend Zeit, um im Familienverband das nötige Geld zusammen zu sparen. Obendrein konnte man den überzähligen Trabbi über dem Einzelhandelspreis privat weiter verkaufen. Manch findiger DDR-Bürger ließ sich eine günstige Warteposition in der Schlange von einem anderen, der das Fahrzeug dringend brauchte, „abkaufen“.

Das Sammeln von Altpapier, Flaschen, Gläsern, Knochen und Schrott wurde lange Zeit in der DDR groß geschrieben. Attraktive Aufkaufpreise verhalfen dem emsigen Sammler zu einem beachtlichen Nebeneinkommen.

Bastler und Handwerker hatten viel zu tun. Wer sich mit der Zulassungsbehörde gut stellte und über die nötigen Teile verfügte, konnte sich einen kleinen Traktor bauen. Ein abgewrackter „Trabant“ gab einen guten „Teile-Spender“ ab, vom Motor über das Getriebe bis hin zu den Achsen. Der Rest war handwerkliches Können. Oder man legte eine Kleinserie von Autoanhängern auf, die natürlich die behördliche Freigabe brauchten und fachgerecht geschweißt werden mussten.

Handwerkliches Geschick erwies sich als ein überlebensfördernder Faktor.

Erfindungen des Staates: Im Falle einer finanziellen oder einer Versorgungskrise wird der Staat ebenfalls erfinderisch; allerdings hinken seine Maßnahmen in der Regel den Ereignissen zeitlich hinterher. Deutschland hat auf diesem Gebiet etliche historische Erfahrungen.

Bezüglich Geld sind folgende Instrumente erprobt:

 


Bezüglich Lebensmittelverteilung kann Deutschland auf folgende Erfahrungen zurückgreifen:


Solche Rationierungsformen waren in der DDR bis Ende der 50-iger Jahre gebräuchlich. Kohlenmarken für Briketts, Koks etc. gab es auch noch  bis Anfang der 80-iger Jahre.

Keiner kann vorhersagen, wie es genau kommen wird, allerdings denke ich, dass es schon einmal eine gute Vorbereitung ist, wenn man sich gedanklich damit auseinandersetzt.


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